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Die Chorleiterin

Seit 1989 leitet Tabea Fischle den Chor der Universität Hannover. Das ist aber nicht alles, was sie kann: Sie ist Gesangssolistin, Choristin im Norddeutschen Figuralchor, Stimmbildnerin und Gesangsdozentin an der Hochschule für Musik und Theater Hannover und an der Städtischen Musikschule Braunschweig. Einen anderen Beruf als die Musik kann sich Tabea Fischle heute gar nicht mehr vorstellen. Durch ihre Vielseitigkeit wird der Schwäbin die Musik nie langweilig. Ihre Erfahrungen als Sängerin helfen ihr außerdem bei der Arbeit als Chorleiterin und umgekehrt: Sie kann den Sängerinnen und Sängern des Chores nicht nur theoretisch erklären, wie man schöne Klänge erzeugt und die Musik zum Leben erweckt. Sie macht es einfach vor mit ihrem wunderbaren Mezzosopran.

Die Biographie von Tabea Fischle spiegelt wider, daß Musik für sie eine Berufung ist und kein Job: Mit fünf Jahren bekam sie Blockflötenunterricht, dann Klavier- und Querflötenstunden, später Gesangsunterricht, außerdem spielte sie die Orgel im Gottesdienst. Die Diplome für Chor- und Ensembleleitung sowie Gesang erwarb sie an der Musikhochschule Hannover bei den Professoren Wehnert, Faulstich und von Glasow. Bei einem längeren Aufenthalt in Rom setzte sie ihre Studien fort. Als Schülerin besuchte sie das Musische Aufbaugymnasium in Michelbach/Bilz. Dort erlebte sie im Chor, dass gute Musik ein Erlebnis jenseits der Noten ist. Heute ist es das Ziel der Arbeit von Tabea Fischle, dass die Musik im Zusammenspiel von Chor und Leitung lebendig wird - nicht nur in den Konzerten, sondern auch in den Proben.

Auf dem Weg zu diesem Ziel braucht Tabea Fischle viel Geduld. Proben sind Zentimeterarbeit. Und nach jedem gelungenen Konzert geht die Probenarbeit mit dem Chor im Herbst wieder von vorne los: Manche Studierende bleiben zwar für mehrere Jahre im Chor. Durch Auslandssemester, Praktika oder den Studienabschluß wechseln die Mitglieder des Hochschulchores jedoch verhältnismäßig häufig. Tabea Fischle nimmt diese Herausforderung immer wieder gerne an. Sie freut sich, wenn aus achtzig einzelnen Stimmen langsam ein Chorklang wird. Der Höhepunkt der Arbeit ist das Konzert im Sommer. Was dort passiert, faßt die erfahrene Chorleiterin in ein Bild: »In einem guten Konzert - auch in einer guten Probe - nehme ich den Chor nicht als kompakte Masse wahr. Ich merke, daß ich Verbindungen habe zu jedem einzelnen Sänger. Die Fäden bündeln sich bei mir, laufen aber eigentlich über mich hinweg ins Publikum.«

Dass Musik entsteht, dass es knistert im Konzertsaal, ist für Tabea Fischle nicht in erster Linie eine Frage der technischen Qualität eines Chores. Selbstverständlich mag sie es als Hörerin eines Konzertes gerne, wenn die Akkorde sauber sind, die Kadenzen nicht absacken und die Konsonanten nicht klappern. Wichtiger sind ihr aber ein warmer, offener Klang und dass die Stimmen frei schwingen. »Ich mag es, wenn die Stimmen im Klang baden.« Die Lieblingsepoche der Chorleiterin ist deshalb die Romantik. Wenn sich die Chorsängerinnen und -sänger konzentrieren, alles andere vergessen und sich auf das Werk einlassen, entsteht große Musik. Deshalb bringt sie die Sängerinnen und Sänger dazu, auch emotional und mimisch das auszudrücken, was die Musik will. Das spürt auch das Publikum. Plötzlich hört man keine Töne mehr, sondern erlebt nur noch Klang. »Das ist wie ein Gefühl von Verliebtsein«, sagt die Chorleiterin. »Man kann gar nicht so genau sagen, woher es kommt. Es ist einfach plötzlich da.«

So wie die Sängerinnen und Sänger sich in die Musik einfühlen müssen, um sie interpretieren zu können, wünscht sich die Chorleiterin Tabea Fischle auch die Zuhörer der Konzerte: offen und interessiert, mit der Bereitschaft sich berühren zu lassen. »Musik kann heiter, rührend oder auch ein Trost sein. Und manchmal darf man auch herzlich lachen.« Dass Tabea Fischle selber gerne lacht, erleben die Sängerinnen und Sänger bei den Proben. Die Chorleiterin ist nicht nur deshalb so beliebt, weil sie eine Expertin ist für Stimme und Gesang. Trotz aller Anstrengung und Konzentration sind die Proben und besonders die Konzerte mit ihr ein erholsames, entspannendes und ausgesprochen fröhliches Erlebnis im Studienalltag.

Für das Schuljahr 2004/2005 hatte Tabea Fischle als Assistentin des Thomaskantors Prof. Christoph Biller die Leitung der Proben des Leipziger Knabenchores übernommen.

Von September 2005 bis Januar 2009 leitete Frau Fischle auch den Bremer Kammerchor "Pro Musica".

Text: Stefan Helge Kern
Fotos: Mark Heisterkamp